Die Grenzen des Geschmacks- oder warum dein Palituch nicht stylisch sein kann

Die Grenzen des Geschmacks- oder warum dein Palituch nicht stylisch sein kann

Du hast diesen Flyer von mir bekommen, weil mir dein Style nicht passt.

Wie sagt man so schön, Geschmäcker sind verschieden, also warum sollte ich mich daran stören, was du trägst? Es sind keine modischen Gründe – da kann ich so einiges aushalten – es sind politische. Auch das mag dich verwundern, weil du heute Morgen kein bisschen an Politik gedacht hast, als du dich für Dein Outfit entschieden hast und dich vielleicht auch gar nicht für Politik interessierst.

Also: was hat dein Style mit Politik zu tun?

In diesem Fall geht es um das, was du um den Hals trägst. Man nennt es in Deutschland Palituch, das ist die Kurzform von Palästinensertuch, in England Arab Scarf (arabischer Schal), im Arabischen heißt es Kafiya. Vielleicht ist es auch gar kein „echtes“, ursprüngliches Palituch, sondern eine modische Abwandlung, wie man sie mittlerweile auch schon bei H&M kaufen kann. Vielleicht hast du ja auch eines der teuren Designerstücke erworben.

In Deutschland wird das Palituch schon lange getragen, die Linken machten es seit 1968 zu einem ihrer Symbole, seit den 90er Jahren wird es auch gerne von Nazis getragen. Ich weiß nicht, warum es jetzt Mode ist und warum du es gerade trägst, aber es ist eine politische Aussage und es ist ein antisemitisches Statement.

Das Tuch hat eine wirklich lange Geschichte und ich habe gar nicht vor, dich damit zu langweilen, nur soviel:

Linke und Rechte tragen es, um sich mit dem palästinensischen Kampf gegen Israel zu solidarisieren.

Doch den Terrororganisationen wie Hamas, Fatah oder Hesbollah geht es nicht um bessere Lebensbedingungen für Palästinenserinnen und Palästinenser, sondern um die Vernichtung des Staates Israel. Das Tuch wurde in den 30er Jahren als Kopfbedeckung vom Großmufti von Jerusalem eingeführt, der fanatischer Antisemit war, Hitler 1943 die Hand schüttelte und dafür sorgte, dass eine muslimische SS-Einheit während des Zweiten Weltkrieges aufgestellt wurde. Das Tuch wurde als Kopfbedeckung 1936-39 in Palästina zum Symbol des profaschistischen und antijüdischen Aufstands. In den 30er Jahren verbot der Großmufti „westliche“ Kleidung und zwang die arabische Bevölkerung in Palästina unter Strafandrohung, diese Kopfbedeckung zu tragen.

Mit der Zeit wurde es zum Symbol, zum Symbol auch des bewaffneten und terroristischen Kampfes gegen Israel.

Wenn du nun also das Palituch trägst, dann solidarisierst du dich mit den Menschen, die Israel bekämpfen und ignorierst damit die jüdische Geschichte, die Geschichte eines Staates, der 1948 gegründet wurde, um Jüdinnen und Juden weltweit eine Heimstätte und Schutz vor Antisemitismus zu gewähren. Viele Menschen begründen ihren Kampf gegen Israel damit, dass sie sich mit der unterdrückten palästinensischen Bevölkerung solidarisieren würden; dass das etwas mit Antisemitismus zu tun habe, wird abgelehnt und das Schlagwort Antizionismus wird hervorgekramt. Diese Leute behaupten, sie hätten kein Problem mit „Juden“, aber mit dem Staat Israel und seiner Politik. In Deutschland ist eine Ablehnung des Staates Israel aber oft auch eine Abwehr gegenüber der Schuld der Deutschen an der Shoah, da Israel eine ständige Erinnerung der Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus ist. Die Idee des Zionismus entstand im 19. Jahrhundert und war schon damals eine Reaktion auf den Antisemitismus in Europa. Die grundsätzliche Forderung war die nach einem eigenen Staat für jüdische Menschen, auch wenn sich im Laufe der Jahre verschiedene politische Strömungen im Zionismus entwickelten. Wer sich also als antizionistisch bezeichnet, stellt sich damit gegen die Existenz des Staates Israel als jüdischem Staat.

Doch was ist es anderes als Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden, ihnen dieses Recht auf Schutz vor Antisemitismus in ihrem eigenen Staat abzusprechen?

Auch wenn du dieses Tuch „nur“ trägst, weil es dieses Jahr Mode ist und so gut zu deiner Jacke oder deinen Schuhen passt – du schließt dich damit einer politischen Forderung an, ob du willst oder nicht. Auch wenn du vorher vielleicht nicht um die politische Bedeutung deines Halswärmers wusstest, so weißt du es jetzt, von nun an ist es ein politisches Statement, wenn du dich morgens für dieses Outfit entscheidest. Vielleicht überlegst du dir auch, dass so ein Symbol gegen Israel gerade in Deutschland ziemlich unangenehme Züge mit sich bringt, wo doch vor wenigen Generationen der Antisemitismus hier die bislang mörderischste Gewalt gegen Jüdinnen und Juden hervorgebracht hat.

Also: scheiß auf die Mode, kauf dir ein neues Tuch oder einen schönen Schal, oder krame einfach das vom letzten Jahr raus, dann muss ich mich nicht mehr zig Mal am Tag ärgern, weil ich Leuten wie dir über den Weg laufe.